Eine neue Schule entsteht

Rückblick nach 6 Jahren - geschrieben im Juni 2016
Jan-Peter Braun (Gründungsschulleiter)

Wir schreiben den 6. August 2010. 150 Schülerinnen und Schüler, 300 Eltern und Familienangehörige, 40 geladene Gäste sowie 10 Lehrerinnen und Lehrer sitzen in der Sporthalle der IGS Lengede. Es ist 9.30 Uhr. Ich gehe langsam Richtung Rednerpult. Mein Herz schlägt schneller als sonst. Tief atme ich durch. Während ich gehe, lasse ich in wenigen Sekunden die vergangenen 2 Jahre in meinem Kopf revuepassieren.

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Der Grundstein für die IGS Lengede wird im Mai 2008 gelegt. Kerstin Jasper - eine an einer IGS ausgebildete Lehrerin - und ich sind stellvertretende Schulleiter der Bodenstedt-Wilhelmschule in Peine. Wir erfahren telefonisch, dass an der IGS Peine doppelt so viele Anmeldungen vorliegen wie Plätze vorhanden sind. Uns ist sofort klar, dass der Landkreis Peine handeln muss. Der Druck der Eltern den Schulplatzmangel für diese innovativste und modernste aller Schulformen zu beseitigen würde zu groß werden. Wir sind uns sicher, dass innerhalb weniger Tage die Diskussion um eine zweite Integrierte Gesamtschule im Landkreis Peine beginnen wird. Wir behalten recht.

Eine von Frau Jasper und mir durchgeführte Standortanalyse ergibt, dass Lengede sowohl aufgrund der geografischen Lage als auch wegen der Gebäudestruktur mit hoher Wahrscheinlichkeit als der optimale Standort angesehen wird. Der Zufall will es, dass ich wenige Wochen später Schulleiter der Willi-Frohwein-Realschule Lengede werde. Stellvertretener Schulleiter ist Hans Knobel – ein Lehrer mit Gesamtschulerfahrung. Im September 2008 erstellen wir in mehrtägiger Arbeit eine umfangreiche Chancen-Risiken-Analyse für den Standort Lengede. Alle beleuchteten Aspekte führen zu der gleichen Schlussfolgerung: Zum Erhalt des Schulstandortes ist die Gründung einer IGS erforderlich. Wir stellen unsere auf empirischen Daten, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und auf unserer bildungstheoretischen Überzeugung basierenden Analyse dem Kollegium der Willi-Frohwein-Realschule vor. Die Reaktionen fallen– wie nicht anders zu erwarten – unterschiedlich aus.

Nahezu zeitgleich bildet sich die Elterninitiative „IGS Lengede“. Der Bürgermeister der Gemeinde Lengede sowie alle im Gemeinderat vertretenen Fraktion setzen sich öffentlich für die Gründung einer Gesamtschule vor Ort ein. Die Landkreisverwaltung sowie der Kreistag beauftragen einen Gutachter mit der Klärung der Frage, ob eine weitere Gesamtschule im Landkreis Peine erforderlich sei und welches der optimale Standort wäre. Das Ergebnis des am 17. Februar 2009 vorgelegten Gutachtens ist eindeutig: Es soll eine fünfzügige Integrierte Gesamtschule mit gymnasialer Oberstufe am Standort Lengede geben!

Bevor die für die Genehmigung erforderliche Elternbefragung der Erst- bis Viertklasseltern beginnt, erstellten Hans Knobel, Kerstin Jasper und ich eine erste Konzeption.

Es folgt ein intensiver Austausch zwischen der Elterninitiative, der Kreisverwaltung mit Landrat und Erstem Kreisrat, den Vorsitzenden der Kreistagsfraktionen, dem Lengeder Bürgermeister, den Lengeder Fraktionsvorsitzenden der verschiedenen Parteien, der Schulleitung der IGS Peine und weiteren Personen und gesellschaftlichen Gruppen. Wir führen persönliche Gespräche sowohl mit der Kultusministerin als auch mit der zuständigen Dezernentin der Landesschulbehörde. Nach der zweiten Elternbefragung und der Genehmigung durch das Kultusministerium steht am 13. Januar 2010 fest: Die IGS Lengede wird gegründet!

Ende Februar beruft die Landesschulbehörde ein achtköpfiges Planungsteam ein und erteilt den Auftrag, eine Konzeption für die IGS Lengede zu entwickeln. Mehrfach wöchentlich treffen wir uns. Hinzu kommen zwei mehrtägige Tagungen mit Übernachtungen. Wir lesen wissenschaftliche Berichte über neueste Erkenntnisse des Lernens, schauen uns Filme über sogenannte „Leuchtturmschulen“ im In- und Ausland an, lesen die Berichte der Deutschen Schulpreisschulen, setzen uns mit Organisationsskizzen anderer Gesamtschulen auseinander, sprechen mit Schülern und Eltern anderer IGSen, laden eine Familie aus Schweden zu uns ein, um das schwedische Schulsystem uns authentisch erklären zu lassen, tauschen uns mit einer Journalistin aus, deren Tochter und Enkelkinder in Schweden leben, Sprechen mit Führungskräften regionaler und überregionaler Wirtschaftsunternehmen und holen uns Unterstützung bei einem Unternehmensberater. Hinzu kommen zahlreiche Gespräche mit dem Schulträger und mit Eltern aus der Region.

Die ersten Personalentscheidungen werden getroffen. Didaktische Leiterin wird Kerstin Jasper, erste Jahrgangsleiterin wird die erfahrene Gesamtschullehrerin Ulrieke Siebers. Als Planungsgruppenleiter übernehme ich die Schulleitung.

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Ich werde aus meinen Gedanken herausgerissen. Das Rednerpult ist erreicht. Ich halte inne. Der Pulsschlag steigt weiter. Wann war ich zuletzt so aufgeregt?

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Rückblick: Donnerstag, 22. April 2010. Es ist 16.30 Uhr. In 30 Minuten werden wir erstmals das Konzept der IGS Lengede der Öffentlichkeit vorstellen. Werden überhaupt Eltern mit ihren Viertklässlern kommen? Wer folgt der Einladung zur Informationsveranstaltung? Werden wir mit unserem Konzept überzeugen? Um 18.00 Uhr haben wir die Antwort: Die Aula ist überfüllt. Die Rückmeldungen sind nahezu ausschließlich positiv. Eine Woche später das gleiche Bild. Wir sind beruhigt. Wir scheinen nicht an den Bedürfnissen der Eltern und Kinder vorbeigeplant zu haben.

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Ich nehme das Mikrofon in die Hand. Gleich werde ich die ersten Worte an die Schülerinnen und Schüler des ersten Jahrgangs der neu gegründeten IGS Lengede richten. Ich warte, dass es ruhig wird. Wenige Sekunden bleiben mir noch. Ich blicke ein letztes Mal zurück.

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Es ist der 9. Juni 2010. Ab 14.00 Uhr können die Eltern ihre Kinder anmelden. Mir schießt es durch den Kopf: Werden uns Eltern überhaupt ihr Vertrauen schenken? Was machen wir, wenn keiner sein Kind bei uns anmeldet? Gelingt es uns, eine gute Durchmischung aus sehr leistungsstarken und weniger leistungsstarken Schülern zu erhalten, so wie es für Gesamtschulen erforderlich ist? Ich werde bereits um 13.00 Uhr aus meinen Gedanken gerissen. Eine lange Schlange hat sich gebildet. Die Wartezeit bei glühender Hitze beträgt bis zu 2 Stunden. Um Schüler und Eltern bei Laune zu halten, versorgen wir sie mit Getränken und kleinen Schokoladenstückchen. Am Ende des 10. Juni liegen genau 200 Anmeldungen vor.

Am Abend des 10. Juni kommt die große Ernüchterung. Wir dürfen maximal 150 Schüler aufnehmen. 50 Kinder müssen ausgelost werden. 50 Kindern und deren Eltern werde ich mitteilen müssen, dass sie keinen Platz an der IGS Lengede erhalten werden. Als Schulleiter einer „Schule für alle Kinder“ bin ich gezwungen zu sagen: „Da darfst nicht zu uns kommen“. Nicht nur den betroffenen Eltern und Kindern, auch mir stehen die Tränen in den Augen.

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Nun ist es in der Aula ruhig, 500 Menschen sind so leise, dass man eine Stecknadel fallen hören könnte. Ich beginne mit den Worten:

„Liebe Schülerinnen und Schüler, liebe Eltern, Freunde und Verwandte, wir begrüßen euch liebe Schüler, wir begrüßen Sie liebe Eltern ganz herzlich an der IGS Lengede und heißen euch, heißen Sie herzlich bei uns willkommen. Wir, das sind 11 Lehrerinnen und Lehrer, Sekretärinnen, Hausmeister sowie weitere unterstützende Mitarbeiter.“

Mit diesen Worten begrüße ich auch in den darauffolgenden Jahren die Neuschüler und deren Eltern. Die Anzahl der Lehrkräfte hat sich mittlerweile auf mehr als 70, die der Mitarbeiter auf 8 und die an der Schule bereits vorhandenen Schüler auf 860 erhöht.

Fast 6 Jahre ist diese nun hier. 6 Jahre in denen die Schule gewachsen ist, 6 Jahre in der sie sich weiterentwickelt hat, 6 Jahre in denen Lehrkräfte, Eltern und Schüler in den zahlreichen schulischen Gremien konstruktiv zusammengearbeitet, diskutiert und Entscheidungen getroffen haben. Ohne die zahlreichen Personen, von denen ich nur einige zuvor nennen konnte, würde es die IGS Lengede nicht geben. Ohne die Lehrkräfte der ersten Stunde, ohne die hoch engagierten Elternvertreter, ohne die Schüler dieses Jahrgangs wäre die Schule nicht die, die sie heute ist.